Christoph Müller: Am besten ist es hier bereits die Architekturentwürfe aus Vorstudien auf ihr Potenzial für Wiederverwendung zu prüfen. So kann ein Bauteilkatalog definiert werden, welcher im Vorprojekt verfeinert wird. Bauteilfunde können sofort auf die Umsetzbarkeit im Projekt geprüft werden oder das Projekt selbst kann auf die spezifischen Bauteilparameter angepasst werden. Dieser iterative Prozess verlangt ein Umdenken vonseiten der Architekt*innen. Es ist nicht mehr möglich, einen Entwurf bis zur Ausschreibung zu erarbeiten, für welchen dann einfach die benötigten Bauteile ausgeschrieben werden. Vielmehr folgt der Entwurfsprozess dem Prinzip „form follows availability“, sprich eine Grundidee der Architekt*innen muss mit dem Gefundenen umgesetzt werden. Das bedeutet in weiterer Folge, dass Bauherrschaften keine „Rendering Architektur“ mehr bekommen und verkaufen können.
Am besten keiner. Die effizienteste Variante der Bauteilwiederverwendung ist eine direkte. So können am meisten Kosten und Emissionen eingespart werden. Dies ist gut möglich, wenn die Planer*innen dem Prinzip des „form follows availability“ folgen. Natürlich ist dies nicht immer umsetzbar, vor allem, wenn Bauteile nicht mehr den aktuellen Normen entsprechen oder leicht beschädigt sind. Generell gilt es festzustellen, in welchem Verhältnis die Kosten zur eingesparten Menge CO2-Emissionen stehen. Dann muss die Bauherrschaft entscheiden, welchen Wert sie bereit ist, für die Tonne eingespartes CO2 -Äquivalent zu zahlen. Auf rein ästhetische Aufbereitungen von Bauteilen wie das Umspritzen von Fassadenblechen sollte verzichtet werden, da hier der Impact oft in keinem Verhältnis zu den erhöhten Kosten und der Verringerung der CO2-Einsparung steht.
„Wiederverwendung ist kreative Logistik.“
Christoph Müller
Der Transport selbst lässt sich mit modernen Logistikunternehmen sehr gut umsetzen. Auch spielt er in der CO2-Berechnung eine vernachlässigbare Rolle. Problematisch wird es eher beim Ausbau der Teile und dem Zeitfenster, in welchem sie vor Abriss beschafft werden können. Am schwierigsten ist an dieser Stelle die Freigabe der Beschaffung durch die Bauherrschaft. Hier muss oft innerhalb weniger Monate oder Wochen ein Kaufantrag unterschrieben und die Kosten für Ausbau, Transport und Einlagerung gezahlt werden. Man könnte sagen: Wiederverwendung ist kreative Logistik. Dies ist speziell bei komplexen und schweren Bauteilen eine Herausforderung. Ziel ist es in Zukunft eine „Just-in-time“-Verfügbarkeit von Re-Use-Bauteilen herzustellen. Dazu bedarf es weiterer Kooperationen mit Fachpartner*innen aus dem Bau- und Logistikbereich.
Sie hat eine sehr wesentliche Auswirkung. Bei der Bauteilwiederverwendung muss spätestens mit Abschluss des Entwurfes ein Kredit für die Beschaffung von Bauteilen verfügbar sein.
Die bei der Erstellung eines neuen Gebäudes anfallenden Emissionen können selbst durch ein hohes Maß an Wiederverwendung und die niedrigste Betriebsenergie nicht mehr kompensiert werden. So stoßen beispielsweise die Sanierung und Erweiterung eines Wohngebäudes nur etwa ein Drittel der Emissionen eines vergleichbaren Ersatzneubaus aus.
Es bedarf eines Umdenkens in der Baubranche. Primäre Tragstrukturen aus massiven tragenden Materialien, wie Beton, Stahl oder Mauerwerk, müssen als gegeben betrachtet und sinnvoll weiterentwickelt werden. Sozusagen als Teil der Landschaft. Zusätzlich müssen Erstellungsemissionen, und darin eine Bewertung des Abrisses, dringend ein Teil der Energienachweise von Baubewilligungen werden. Dänemark ist hier ein Vorreiter.