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Dr. Thomas Brudermann: Ich versuche, wissenschaftliche Erkenntnisse rund um Klima, Nachhaltigkeit und menschliches Verhalten mit Humor zu kommunizieren, und das auch außerhalb der Universität: Zum Beispiel mit meinem Buch „Die Kunst der Ausrede“, mit frei verwendbaren Illustrationen und Infografiken und als Sprecher bei circa 70 bis 80 Veranstaltungen pro Jahr.
Bei aller berechtigten Kritik an China: Ich finde beeindruckend, wie schnell China die Energiewende im eigenen Land vorantreibt. Dort wird mittlerweile pro Jahr mehr Photovoltaik und Windenergie installiert als im Rest der Welt zusammen. Und das zeigt Wirkung, die Emissionen beginnen in China nach derzeitigem Stand früher zu sinken als geplant. Schon letzten Sommer wurden mehr Elektroautos neu zugelassen als Verbrenner. Da hinken wir in Österreich noch weit hinterher.
Mit einem offenen Auge für die Komplexität der gegenwärtigen Herausforderungen und mit einem Zeithorizont, der über einzelne Legislaturperioden hinausgeht.
„Für mich ist der menschengemachte Klimawandel gemeinsam mit der Biodiversitätskrise der ultimative Intelligenztest für uns als Gesellschaft.“
Dr. Thomas Brudermann
Österreichischer Nachhaltigkeitsforscher
Meine hoffnungsvolle Vorstellung ist: Wir kämpfen zwar mit den Auswirkungen der Erderhitzung, haben aber die notwendigen Kehrtwenden geschafft, bei Energie, in der Landwirtschaft, in der Industrie, beim Verkehr. Energie in Österreich ist 100 Prozent erneuerbar, die Industrie ist klimaneutral. Der Autoverkehr hat massiv abgenommen und ist elektrisch. Die Lebensqualität ist wegen besserer Luft und geringerer Arbeitszeiten höher, und wir streiten zwar mit unterschiedlichen Meinungen, aber mit denselben Fakten.
Wir stehen vor einer noch nie dagewesenen Herausforderung, und dementsprechend gibt es keine Blaupause. Als Menschen sind wir aber prinzipiell dazu in der Lage, neue Herausforderungen zu meistern. Für mich ist der menschengemachte Klimawandel gemeinsam mit der Biodiversitätskrise der ultimative Intelligenztest für uns als Gesellschaft.
Ein Ansatz wäre: Beteiligungsprozesse, bei denen die Fakten auf dem Tisch liegen und genug Zeit bleibt für das Diskutieren von gemeinsamen Wertvorstellungen und Zielen, aber auch von Bedenken. Das ist selbstverständlich nur ein Baustein von mehreren.
Falschinformationen und aufgeschaukelte Emotionen vergiften den Diskurs massiv und erschweren Lösungen. Mit dem Thema Klima waren wir eigentlich durch, die dringende Handlungsnotwendigkeit wurde 2019 von weiten Teilen in Bevölkerung und Politik verstanden. Mit gezielter Desinformation ist es fossilen Lobbyorganisationen und auch politischen Parteien seitdem gelungen, Zweifel zu säen. Mit Scheinlösungen und Märchenerzählungen wird von der Dringlichkeit abgelenkt, leider auch von etablierten Parteien. Medienhäuser springen ebenfalls auf diesen Zug auf, vor allem diejenigen, die vom Konflikt leben. Wie wirken wir dem entgegen: Indem wir die Fakten außer Streit stellen und uns der unangenehmen Realität stellen. Indem die Politik ihrer Verantwortung nachkommt. Indem wir Falschinformation schon proaktiv bekämpfen. Indem wir Medien und Werbebranche in die Pflicht nehmen. Und indem wir mit unserer Kommunikation aktivieren, anstatt zu lähmen.
Aus verschiedenen Studien wissen wir, dass dieses „NIMBY“ in den meisten Fällen ein vorgeschobenes Argument ist. Der Widerstand gegen beispielsweise die Windkraft wird durch andere Faktoren besser erklärt: Empfundene negative Auswirkungen auf die Landschaft und andere Nachteile, fehlende Teilhabe an den Vorteilen, politische Einstellungen. Aber rationalisiert wird es dann gerne mit „sollen doch die anderen was tun, bzw. macht das woanders“.
Zusammenarbeit erfordert gegenseitiges Vertrauen und sozialen Zusammenhalt. Daran gilt es zu arbeiten, wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit meistern wollen.